Schmökerseite

Auf dieser Seite gibt es Kurz-Geschichten, Teile von dem gerade entstehenden Buch. Jeder ist zum schmökern eingeladen

  

 

 

Von Aussicht zu Einsicht

 

Charley genoß die Zugfahrt: er genoß es, die vorbei ziehende Landschaft zu beobachten - vor allem angesichts der ihm gestellten Aufgabe, der er diese Zugfahrt zu verdanken hatte. Er würde über sich hinauswachsen müssen - das wußte er jetzt schon.

Er schob die Gedanken daran wieder zur Seite und konzentrierte sich auf die vorbeigleitenden Bäume und Büsche, die satten Wiesen, unterbrochen von Wäldchen und Wegen. Ab und zu sah er einen Bauern auf einem der Felder, oder Kühe und Pferde auf der Weide. "Was für eine täuschende Idylle" dachte er sich. Keiner hatte eine Ahnung von der bevorstehenden Bedrohung, und auch er tat sich schwer daran zu glauben, während er so aus dem Fenster schaute. Eine Bombe sollte er entschärfen  - größer und schlimmer von der Auswirkung her als alles bisher Dagewesene. Und was das Schwierigste daran war - keiner kannte die Bauweise. Er würde sich alles vor Ort austüfteln müssen. Und falls es schief ging - er konnte sich die Auswirkung nicht ausmalen...

Er zwang sich wieder dazu, die Umwelt jenseits des Zugfensters unter die Lupe zu nehmen - intensiver noch als vorher, noch mehr auf das Detail achtend. Er sah die silbern glänzenden Stämme einer Anhäufung von Birken, bemerkte die feinen Unterschiede der Grautöne, aufgelockert durch gelb, weiß und viele Nuancen anderer Farben. "Ja - dies ist ein lebenswerter Planet" durchfuhr es ihn.

Würde er es schaffen, dass es so blieb? Er würde sicher nichts unversucht lassen.

Wieder zwang er seine Aufmerksamkeit nach draußen - versuchte sie dort zu halten - aber so richtig gelingen wollte es ihm nicht. Er erinnerte sich an seine Kindheit, als er in seinem Heimatdorf Indianer gespielt hatte. Die Bilder der Erinnerung zogen an seinem geistigen Auge vorbei.

Er hatte meistens den Häuptling gespielt, mit selbst gebastelter, kompletter Ausrüstung. Von der Adlerfeder am Stoffstirnband bis zum Tomahawk aus Holz hatte er in liebevoller Kleinarbeit sich seine ganzen indianischen Ideale, entlang der endlos vielen Bücher, die er darüber verschlungen hatte, hergestellt.  Karl May wurde in ihm wieder lebendig. Er stellte sich vor, dass eine Horde Indianer aus dem Wald, den er gerade sah,

herausbrechen würde. Die Bilder der Vergangenheit und der Gegenwart vermischten sich, verschwammen teilweise ineinander. Er sah tatsächlich Indianer, er roch ihre Pferde, hörte ihr Schnauben.

Charley blinzelte und lehnte sich erstaunt zurück. Er war verdutzt. Ja, er

hatte es gerochen und gehört - als ob es jetzt gewesen wäre. Er schaute wieder nach draußen und atmete kräftig durch. Als ob er nicht schon genug Probleme hätte! Er war in seinem Job bisher ja immer erfolgreich

und unverletzt geblieben, weil er so analytisch und berechnend denken konnte und sich nie von Emotionen verleiten ließ. Und jetzt sowas! Sein Geist spielte doch nicht etwa verrückt?! Es fiel ihm immer schwerer, die Umgebung so wahrzunehmen, wie sie war, und nichts hineingeraten zu lassen. Irgendwie drückte die Vergangenheit mit aller Macht herein.

Wenn es nur die Kindheit gewesen wäre, dann hätte ihn das auch nicht

weiter erschreckt, aber er hatte den Geruch dieser Indianerpferde in der

Nase gehabt - und er hatte ihn jetzt wieder! Dann tauchte das Pferd dazu auf! Er sah es deutlich vor sich: stolz, groß, braungescheckt. Auf ihm saß ein Indianer in Wildlederkleidung, einer Kette mit Bärenkrallen, Totembeutel und Häuptlingsschmuck auf dem Kopf. Er spürte den leichten Wind, der die Adlerfedern flattern ließ. Er spürte, daß dieses Bild mehr mit ihm selbst zu tun hatte, als er sich je hätte zugeben wollen. Wegen der Heftigkeit der momentanen Situation konnte er es aber nicht mehr abstreiten.     

Er war fasziniert und erschrocken zugleich. Er schaute sich das Bild noch einmal an und versuchte dabei die Wahrnehmungen zu wiederholen. Ja – er konnte riechen, hören, spüren was in diesem Bild vorhanden war; er konnte die ganzen Bewegungen erfassen. Die Neugierde gewann langsam die Oberhand über den Schrecken. Er ließ das Bild immer wieder entstehen und merkte, dass er ursächlich damit umgehen konnte. Er ließ eine ganze Büffeljagd vor sich ablaufen, genoß es dabei immer mehr, auf die verschiedenen Wahrnehmungen zu achten, Geräusche, Gerüche usw. wahrzunehmen. Er begann, damit zu experimentieren, versuchte die Bilder in die tatsächliche Umgebung zu setzen, sie dort zu bewegen, und es gelang ihm mehr und mehr. Er schaute sich die Umgebung, die am Zug vorbeizog, mit immer neuen Augen an. Er merkte, dass er damit wirklich spielen konnte. „Das ist das beste Kino, das ich je erlebt habe“, dachte er sich dabei. Er war so beschäftigt damit, dass er für eine Weile den tatsächlichen Grund für diese Zugfahrt gänzlich vergaß. Als er sich aber kurz darauf besann, war er wieder mit ziemlicher Heftigkeit vorhanden.

„Interessant“ dachte er sich, „man kann in Gedanken vor der Wirklichkeit flüchten“. Er überlegte, wie er das gerade erlebte als Verdrängung oder als Erfahrung nehmen konnte. Er konnte verschiedene Gesichtspunkte dazu einnehmen; er konnte es auch zum Lernen hernehmen, er konnte erfreut darüber sein und Trauer empfinden. Er hatte eine ganze, riesige Spielwiese mit schrecklich vielen Facetten entdeckt. Er war gerade dabei, das zu verarbeiten, als ihm ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf schoß: Wie konnte es sein, dass dieser Indianer ihm so nahe ging? Was hatte das mit ihm zu tun? Für einige Momente fing er an, philosophische Gedanken zu wälzen: „Wie lange gab es den Menschen schon? Woher kommt er? Was sind seine wahren Zielsetzungen?“

Als er merkte, dass er zu viele Fragen auf einmal aufwarf, zwang er seine Aufmerksamkeit wieder gewaltsam nach draußen.

Gerade fuhr der Zug an einem von Bäumen umsäumten See vorbei, was seine Absicht, diese Welt so zu erhalten, weiter verstärkte. Er mußte es schaffen!

Wunsch, Vergangenheit und Wirklichkeit – das alles lag viel näher zusammen als er es sich je gedacht hatte. Er war gerade dabei, neu damit zurecht zu kommen. Er wußte, dass er sein seine Gedanken sehr gut unter Kontrolle haben mußte für die kommende Aufgabe. Irgendwie wurde er sich gleichzeitig aber auch sicherer, dass er das Richtige tun würde. Er wurde gelassener, ließ sich Bilder verschiedener Kulturen vor seinem geistigen Auge entstehen. Er verglich sie mit der Gegenwart und stellte dabei fest, dass jede einen bestimmten Einfluß auf die Nachwelt hinterlassen hatte – und dass eigentlich auch jede ihre Höhen und Tiefen hatte. So kam er zu der Feststellung, dass Überleben mehr beinhaltete als seinen eigenen Körper zu erhalten – viel mehr.

Und so erwuchs in ihm die Sicherheit, dass er das satte Grün der Wiesen und Bäume auf der Rückfahrt wieder sehen würde.

Ob mit oder ohne Indianer – das konnte er gelassen der Zukunft überlassen.

 

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